Wer in den letzten Wochen durch die Flure des Gymnasium Wendalinum streift, den erwartet ein inzwischen – zugegeben – ungewöhnlicher Anblick: Schüler mit Turnbeutel in der einen und Buch in der anderen Hand, versunken in Gregs Tagebuch, ein Lustiges Taschenbuch oder einen Asterix-Comic; zwei Schülerinnen, die vor der Klassenzimmertür auf dem Boden sitzen und Seite um Seite verschlingen; eine Aula, die sich mittwochs in einen Raum gebannter Stille verwandelt, wenn Lehrkräfte vorlesen; und eine Schülerbibliothek, die dienstags und donnerstags aus allen Nähten platzt. Ungewöhnlich? Vielleicht. Bemerkenswert? Ganz sicher.
Doch woher kommt die plötzliche Lesemotivation bei den jungen Wendalinerinnen und Wendalinern in Zeiten von iPads, Kurzvideos und endlosem Scrollen?
Grund für die neu- oder wiederentdeckte Leselust ist die Einführung des „Wendalinum Lesepasses“. Inspiriert vom saarlandweit seit dem Schuljahr 2025/26 verbindlich in Grund-, Gemeinschafts- und Förderschulen eingeführten Leseband verfolgt er ein klares Ziel: die nachhaltige Stärkung der Lesekompetenz unserer Schülerinnen und Schüler.
Dies gelingt uns am Wendalinum durch ein flexibles und an die Anforderungen des Gymnasiums angepasstes Vorgehen, das individuelles Lesen, kreative produktionsorientierte Leseverfahren, jahrgangsstufenübergreifendes Tandem-Lesen, Vorlesen und Zuhören vereint. Dabei erhalten alle Lesenden einen individuellen „Lesepass“, der fünf unterschiedliche Lesestationen umfasst, die die Lesenden in acht Wochen selbstorganisiert „bereisen“ müssen. Der erfolgreiche Abschluss der Station wird durch Stempel von den Lehrerinnen und Lehrern bestätigt. Sichtbar wird so nicht nur Leistung, sondern vor allem Motivation, Engagement und Ausdauer.
Durch die feste Integration des Lesens im Schulalltag wird das Lesen unabhängig vom individuellen Hintergrund gefördert und in seiner Bedeutung in erheblichem Maße aufgewertet. Denn Schulleiter Alexander Besch ist davon überzeugt: Wollen wir unsere Schülerinnen und Schüler zum bestmöglichen Bildungserfolg führen und damit zu mündigen Mitgliedern der Gesellschaft erziehen, „müssen wir an der Basis ansetzen“. „Lesen ist diese Basis, die die Voraussetzung für fachlich-unterrichtliches Verstehen ebenso wie für gesellschaftliche und demokratische Teilhabe durch Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit ermöglicht“.
Dass der eingeschlagene Weg trägt, zeigt sich deutlich: Was zunächst als Pilotprojekt auf Initiative der Kolleginnen der Schülerbibliothek, Anne Bock und Katharina Engel, geplant war, wurde dank des Engagements der Klassenleitungen und Deutschlehrkräfte geschlossen in allen elf Klassen der Unterstufe eingeführt. Rund 270 Schülerinnen und Schüler haben sich damit gleichzeitig auf eine gemeinsame Lesereise begeben. Die hohe (Vor-)Lesemotivation im Unterricht, regelmäßig über 50 Zuhörerinnen und Zuhörer beim Vorlesen in der Aula sowie mehr als 100 Ausleihen in der Schülerbibliothek seit Projektbeginn sprechen eine deutliche Sprache.
Schon die Weihnachtsaktion „Das Wendalinum liest“ hat gezeigt, dass Lesen auch im Zeitalter von Digitalisierung, Social Media und KI nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat. Der Lesepass knüpft daran an – nicht als nostalgische Rückbesinnung, sondern als bewusste Investition in die Zukunft. Denn Lesen ist kein Selbstzweck. Es ist ein Werkzeug für differenziertes Denken, für kritisches Urteilen, für persönliches Wachstum und gesellschaftliche Teilhabe.
Vielleicht erklärt sich genau daraus jener ungewohnte Anblick auf den Fluren. Wer heute durch das Wendalinum streift, sieht nicht einfach Schülerinnen und Schüler mit Büchern in der Hand. Er sieht junge Menschen, die ihren Horizont erweitern – ganz im Sinne Goethes, der formulierte: „Wer Bücher liest, schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zaune.“
Dass dieser Blick über den eigenen Zaun hinaus am Wendalinum wieder selbstverständlicher wird, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer gemeinsamen Lesereise, die gerade erst begonnen hat.
Katharina Engel















